#1 Chinatown im Hunsrück von Michael dk1pm 02.04.2018 18:24

avatar

Hallo und Frohe Ostern,
hier mal ein Bericht aus Rheinland-Pfalz """Chinatown im Hunsrück""".
Hier in meiner Nähe entsteht das „Headquarter der Weltfabrik“,
Europas wohl größtes chinesisches Handelszentrum.
Viel Spass beim lesen.Hier der Link
http://www.handelsblatt.com/.../chinesis.../20579630.html...

Falls der Link nicht funktioniert ,hier der Text

Eine Chinesin und ein Deutscher haben in der pfälzischen Provinz das wohl größte chinesische Handelszentrum Europas aufgebaut – ohne einen Cent Subventionen. Der Anfang war schwer. Nun soll ihre „Weltfabrik“ expandieren.

Hoppstädten-Weiersbach, Düsseldorf, Andreas Scholz ist ein kontaktfreudiger Mensch. Am Frankfurter Flughafen sprach der Manager des dortigen Jack-Wolfskin-Stores eine junge chinesische Geschäftsfrau an. Jane Hou wartete auf ihren Rückflug. Was mit Small Talk begann, endete nach einer Stunde mit der spontanen Entscheidung, für Jane Hou in Shenzhen zu arbeiten. Scholz kündigte Job und Wohnung. „Dabei war ich vorher nie in China.“

Die Geschäftsidee der zierlichen Chinesin hatte ihn überzeugt, obwohl sie reichlich utopisch klang. Hou wollte chinesische Händler auf einem alten Kasernengelände im Hunsrück ansiedeln. Denn als sie für eine Papierfirma drei Monate in Europa war, merkte sie: Vor Ort lässt sich viel besser Handel treiben. „Jane ist eine geborene Verkäuferin und hat mich mit ihrem Plan, einen Brückenkopf zwischen Deutschland und China aufzubauen, begeistert“, sagt der 38-jährige Scholz. „Andreas war klug, sich schnell zu entscheiden“, lächelt Hou still. „Das ist gar nicht typisch deutsch.“

Sechs Jahre später sitzen Scholz und Hou in ihrem „Headquarter der Weltfabrik“. So nennen sie ganz unbescheiden Europas wohl größtes chinesisches Handelszentrum, das International Commercial Center Neubrücke (ICCN). Sie blicken auf die grünen Hügel des Nahetals. Hier, im Ortsteil Neubrücke des 3.200-Einwohner-Nests Hoppstädten-Weiersbach, leben heute mehr als 600 Chinesen, darunter 240 Kleinunternehmer: Little China im Hunsrück. Alle kamen wegen Jane Hou. Die plant weitere zwölf Gebäude für 500 Händler, Investitionssumme: 40 Millionen Euro. Mit Familien wären das 2 000 Chinesen. „Platz ist hier ja genug“, scherzt die 36-Jährige.

Doch was zieht chinesische Händler aus Megacitys wie Shenzhen oder Schanghai in die tiefste pfälzische Provinz? Schließlich verlassen jedes Jahr rund 1 000 Menschen die Region. „Wir haben einen herben Aderlass, auch weil Nato- und Bundeswehrsoldaten abgezogen wurden“, sagt Michael Dietz, Wirtschaftsförderer des Landkreises Birkenfeld. „Da sind wir über Chinesen sehr froh. Das sage ich vereinzelten Skeptikern, die Überfremdung fürchten.“


Platz allein reicht jedoch oft nicht. Der vergangene chinesische Anlauf, den rund 50 Kilometer entfernten Flughafen Hahn in chinesischer Hand neu zu beleben, scheiterte spektakulär. Die Firma Shanghai Yiqian Trading, die den Zuschlag bekam, zahlte den vereinbarten Kaufpreis von 13 Millionen Euro nicht. Nun versucht sich der chinesische Konzern HNA an der Sanierung des Flughafens.

Doch das Projekt in Neubrücke habe im Gegensatz zu anderen chinesischen Vorhaben gute Startbedingungen, sagt der auf China spezialisierte Berater Julian Schwabe aus Ludwigshafen. „Es gibt ein funktionierendes Geschäftsmodell. Händler brauchen nur einen Standort in Deutschland. Da ist es nicht so wichtig, ob er in der Provinz oder einer großen Stadt liegt“, sagt Schwabe. Zudem floriert der Handel. China ist 2016 erstmals zu Deutschlands wichtigstem Handelspartner aufgestiegen.
Schlaflose Nächte

„Der Anfang war schwer“, erinnert sich Hou. Neben wenigen privaten Geldgebern glaubte allein die Volksbank Hunsrück-Nahe an ihre Idee. Das ICCN kaufte 16 ehemalige Wohnblöcke der US-Armee, sanierte sie für zwölf Millionen Euro und verkaufte die Wohnungen an Chinesen. Besonders stolz ist Hou, alles ohne Subventionen aufgebaut zu haben. Allerdings gab es auch schlaflose Nächte: „Mehrfach standen wir kurz vor der Insolvenz, weil es unvorhersehbare Probleme mit dem Brandschutz gab“, sagt Scholz.

2012 kamen die ersten Chinesen zur Schnuppertour. Scholz und Hou preisen neben dem Rund-umservice fürs Geschäft stets die strategischen Vorzüge des Dorfs: 90 Minuten nur mit dem Auto bis zum Frankfurter Flughafen. In 45 Minuten ist man in Frankreich und Belgien. Und Büros und Wohnungen sind viel günstiger als in Frankfurt oder Düsseldorf, die Luft ist sauberer. „Viele beeindruckt, dass wir Wasser aus der Leitung trinken können“, sagt Scholz. Die Chinesen suchen mit ihren Familien im Hunsrück ein Stück „heile Welt“.

Familienunternehmer

So wie Herr Fan, der vor einem Jahr aus der 14-Millionen-Metropole Shenzhen herzog. In seinem Showroom tickt eine Standuhr, im Regal stehen Kitschteller von Neuschwanstein. Der 43-Jährige serviert Tee. „Die Konkurrenz in China wird immer größer, da muss man woanders sein Glück versuchen.“ Er exportiert deutsche Markenuhren und lässt antike Uhren in China restaurieren. Fan liebt die Natur: „Selbst wer in China viel Geld hat, kann sich keine frische Luft kaufen.“ Und sein neunjähriger Sohn habe in der Schule viel weniger Stress.

Hui Duan spricht fließend Deutsch. Die 29-Jährige arbeitete für eine deutsche Firma in Shenzhen und kam 2014 hierher. „Jetzt bin ich Unternehmerin“, sagt sie stolz und deutet auf die Rucksäcke, die sie über Amazon verkauft. Sie und ihr Partner suchen noch einen zweiten deutschen Mitarbeiter.

Die chinesischen Händler dürften 2018 rund 50 Millionen Euro im Jahr umsetzen, erwartet Hou. „Alle sind deutsche GmbHs, die hier Steuern zahlen. Die Chinesen leisten bereits fünf Prozent der Gewerbesteuer in Birkenfeld“, schätzt Dietz. Sie bekommen keine Vergünstigungen. Von den Millionensanierungen profitierten die lokalen Handwerker. Das Wirtschaftsministerium Rheinland-Pfalz wertet die Weltfabrik als „großen Erfolg, insbesondere aus wirtschafts- und strukturpolitischer Sicht“. Chinas Botschafter in Berlin, Shi Mingde, der vergangene Woche erstmals die Weltfabrik besuchte, sagte: „Das ist einmalig.“ Das Projekt findet Nachahmer: In Duisburg etwa baut die Starhai-Gruppe ab 2018 für 260 Millionen Euro das „China Trade Center Europe“. Ein Erfolgsgeheimnis der Weltfabrik ist vielleicht das clevere Marketing: „Jane Hou ist eine exzellente Netzwerkerin“, sagt Wirtschaftsförderer Dietz, der sie auf Werbetouren in China regelmäßig begleitet.
Auch privat ein Paar

Die Geschäftspartner Scholz und Hou sind heute auch privat ein Paar. Ihre dreijährige Tochter kommt oft mit zu Terminen. „Meine Frau arbeitet viel mehr als ich. Bis nachts um eins, meist auch am Wochenende“, sagt Scholz. Oft sind sie in China, wo ihre Firma 50 Mitarbeiter in fünf Städten hat, im Hunsrück sind es 30. Beide haben noch viele Pläne, denn für Chinesen sei es undenkbar, nur einem Geschäft nachzugehen, weiß Scholz.

Seit 2016 machen beide am Campus Birkenfeld der Hochschule Trier Chinesen für ein deutsches Studium fit – bisher sind es 150. Fußballfan Scholz hat eine Kickerschule aufgebaut. Im Sommer kamen die ersten Pekinger Kinder. „Bald bilden wir hier chinesische Jugendtrainer aus.“ Seine geschäftstüchtige Frau hat noch eine Marktlücke entdeckt. Hou baut eine Akademie für Pflegekräfte aus China auf. Ihr Fazit nach sechs Jahren Hunsrück: „Deutsche und Chinesen sind gegensätzlich wie Yin und Yang. Aber sie ergänzen sich perfekt.“

Xobor Xobor Community Software
Datenschutz